Dahlhoff Handschriften

Die Sammlung stammt aus dem kleinen Kirchspiel Dinker in der Soester Börde (Kreis Welver) und wurde im 18. und 19. Jahrhundert in der Küster- und Organistenfamilie Dahlhoff aufge­schrieben. Die Handschriften befinden sich in Privatbesitz und wurden uns im Juni 2017 sämtlich zur Digitalisierung und Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Ein Korb voller Bücher

Da haben wir also einige alte Handschriften zum digitalisieren bekommen. Das erste was auffällt ist der Geruch. Sie müssen mal einem starken Raucher gehört haben und wir fragen uns ob das jetzt die Bücher gut konserviert? Auf jeden Fall sind gerade die sehr alten in einem guten Zustand und man würde sie gerne fragen was sie im Laufe ihres "Lebens" alles erlebt haben. Die ältesten sind in der unruhigen Zeit des 7-jährigen Krieges (1756-63) entstanden, und die Schlacht von Vellinghausen fand im Nachbardorf statt, somit war natürlich auch Dinker betroffen. Dem sollten bis heute weitere unruhige Zeiten folgen - aber es gibt sie noch diese schönen alten Handschriften, vor allem, da sie als Familienschatz von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Ein Grund warum gerade die älteren Bücher gut erhalten sind ist sicher das gute Papier, das zu der Zeit noch aus Leinen-Lumpen gemacht wurde.

Selbstverständlich haben wir die Handschriften zunächst gesichtet, bestaunt und ganz vorsichtig darin geblättert. Es ist ein komisches Gefühl, Originale aus der Zeit von Mozart in der Hand zu halten! Aber es handelt sich nicht nur um Noten. Dabei waren auch Rechenbücher, Schriften über Orgelbau und Generalbass und verschiedenes aus dem Leben eines Küsters und Organisten.

Und dann ging es ans...

...Scannen

"Ach ja, mache ich mal", dachte ich. Aber so einfach ist das gar nicht. Erstmal muss man sich an der Maschine, also dem Bücherscanner, einarbeiten: wie muss ich was daran machen und was beachten? Alles gar nicht so leicht beim ersten Mal, da habe ich dann einiges nochmal scannen müssen. Bei einem Bücherscanner dreht man die Bücher nicht um, sondern legt sie, wie zum lesen, aufgeklappt auf die Platte und sie werden von oben fotografiert.

Und dann die Papiere - manche liegen schön flach, andere sind ziemlich steif und erzeugen hübsch gewölbte Bilder mit gewellten Notenlinien, dabei sind die auf dem Papier ganz grade - so soll es doch nicht werden... Manchmal ließ es sich auch mit viel Sorgfalt nicht vermeiden, denn man darf bei diesen Büchern nicht einfach mal den Falz aufdrücken so wie man es mit modernen Büchern machen kann. Damit ich in etwa ein gleiches Bild erzeugen konnte habe ich die Bücher jeweils nur etwas weiter als 90° aufgeklappt und erst auf der rechten Seite gescannt. Dann wurde das Buch umgedreht und rückwärts auf dieselbe Weise gescannt um auch die anderen Seiten abzubilden.

So habe ich also viele Stunden in einem stickigen, fensterlosen Innenraum an dem Scanner gestanden und verstehe jetzt gut warum sich z.B. die Staatsbibliothek die Arbeit an der "Tanzsammlung Dahlhoff" bezahlen ließ, es ist eine anstrengende und langwierige Arbeit, die viel Konzentration erfordert!

Abends habe ich die Scans dann kontrolliert ob ich Seiten vergessen, also überblättert hatte. Anfangs war das noch häufig der Fall, wurde dann aber besser, trotzdem habe ich manches nochmal komplett gescannt. Es soll eben ein schönes Gesamtbild entstehen.

Bearbeiten

Jetzt liegen etliche Gigabyte Bilder auf meinem Rechner, die nun sortiert und bearbeitet werden müssen: die eine Hälfte der Bilder muss gedreht werden und dann müssen rechte und linke Seiten in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Beim Kontrollieren hilft der mitgescannte Falz, da lässt sich dann leichter erkennen ob die Seiten zusammengehören. In manchen Handschriften gibt es Seitenzahlen, aber aus denen entstehen manchmal mehr Probleme als Hilfen. Das Orgelbüchlein von 1790 hat z.B. nur Seitenzahlen auf der rechten Seite. Irgendwann hat sich der Schreiber aber verzählt und es geht mit geraden Zahlen weiter um wieder zu wechseln u.s.w. Oder es sind nur auf den ersten Seiten Seitenzahlen. Aber in den meisten Schriften sind gar keine und so muss man wirklich Bild für Bild vergleichen, da man sich nicht nur auf die Reihenfolge beim Scannen verlassen kann.

Die Handschriften haben bei mir einen Arbeitstitel zur Identifizierung bekommen, das sind inzwischen die Kurzbezeichnungen geworden. Im einfachsten Fall sind es Jahreszahlen, aber es können auch markante Wörter aus der jeweiligen Schrift sein.

Für die Veröffentlichung soll für jede Handschrift ein PDF erstellt werden. Damit in späteren Bearbeitungen und Transkriptionen die einzelnen Seiten eindeutig benennbar sind, wird im PDF folgendes Schema für Seitenzahlen verwendet: Römische Zahlen für den Einband und weitere Blätter die dazu gehören, ab dem eigentlichen Text, Noten usw. sind normale (arabische) Zahlen vergeben. Den Zahlen wird die Kurzbezeichnung voran gestellt.

Und wie erzeugt man ein PDF aus so vielen Bildern, optimal skaliert, mit speziellen Seitenzahlen usw.? Es ist schon erstaunlich, was man 'so nebenbei' noch alles lernt!

Über die Bücher, Hefte, Blätter

Um einen kurzen Eindruck des jeweiligen Buches wieder zu geben wird jedes PDF mit einer Informationsseite beginnen, die eine kurze Beschreibung und Angaben zur Größe und Beschaffenheit des Buches enthält.

Schon beim ersten Durchblättern der Handschriften kamen die ersten Fragen auf. Beim Versuch diese zu beantworten werden es eher mehr als weniger.

Beim Scannen bemerkt man schon wie unterschiedlich die Materialien sind, also die Einbände und die Papiere. Man sieht aber auch die Schrift, die Notenschlüssel... Was wurde mit Federn oder anderem geschrieben, was für Tinte und welches Weiß zum überarbeiten wurde verwendet. Auch das eine oder andere Wasserzeichen und die Struktur des Papieres nimmt man wahr.

Bei einigen Handschriften wie den Rechenbüchern oder auch der "Schlüsselblume" ist das Papier sehr gut, andere haben schlechtes bis sehr schlechtes Papier (1776), und es war sehr mühsam damit umzugehen, denn man möchte die Bücher noch lange erhalten wissen. Die Papierqualität ändert sich auch im Laufe der Jahre, soviel ist auch ohne genauere Kenntnis schon zu sagen. Die neueren Papiere sind glatter und dünner.

Im Notenheft von 1790 lag ein Abreiß-Kalenderblatt von 1934. Es war offensichtlich als Lesezeichen gedacht, hat aber starke Farbveränderungen an den Seiten hervor­gerufen, ebenso die Zeitungsausschnitte in einem anderen Buch. Einerseits ist es sehr interessant, diese zusätzlichen Dinge zu finden, aber man sieht eben auch was sie anrichten...

Bei den Notenbüchern finden sich einige, die stark genutzt wurden. Das sieht man z.B. an den unten rechts rund geblätterten Seiten (1759). Auch Fingerabdrücke weisen auf häufige Nutzung hin und es gibt sie auf einigen Seiten - vielleicht mussten die Kinder neben dem Organisten sitzen und umblättern, denn der Musiker hatte die Finger auf dem Manual und jemand als Hilfe zum Umblättern ist auch heute noch üblich.

Vieles ist mit Tinte geschrieben. Die ist mal dunkler mal heller, je nachdem wie stark sie verdünnt wurde und wie sehr die Papiere dem Licht ausgesetzt waren. Manchmal wurde mit weiß in den Noten etwas ausgebessert, was es heute aber eher unleserlich macht. Inzwischen haben wir schon herausgefunden, dass es erst ab dem 19. Jahr­hundert Stahlfedern gab, d.h. vorher wurde also mit Federkielen geschrieben. Für die Notenlinien gibt es Notenlinienfedern aus Stahl, auch heutige Musiker benutzen sie noch manchmal. Man hat also 5 Federspitzen an einem Griff, es erinnert ein bisschen an eine Hand. Für die alten Bände kommen soche Federn aber nicht in Betracht. Einen vielversprechenden Hinweis bekam ich aus dem Papiermuseum Düren: die Notenlinien könnten mit Silberminen oder Bleischeiben gezogen worden sein. In den Digitalisaten sieht man, dass die Notenlinien eine andere Struktur als die Noten und die Schrift haben.

Kurrent und Fraktur heißen die Schriftarten, die die Dahlhoffs verwendeten. Kurrent war die damals gängige Schreibschrift, die sich noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts hielt. Sütterlin, eine Art des Kurrent, hatte ich noch in der Schule gelernt, kann es also lesen, aber jeder schreibt doch etwas anders, man muss sich einlesen. Fraktur ist die Druckschrift, die wir alle lesen können.

Dahlhoff und Zeitgenossen

In den Schriften tauchen die Namen Johann Diederich, Johann Christian Diederich, Johann Diederich Wilhelm, Friedrich, Matthias auf. Wilhelm und Friedrich waren ebenfalls Küster und Schullehrer in Dinker, Matthias Lehrer und Organist in Burbach bei Siegen - zumindest das kann man herauslesen. Sowohl Wilhelm als auch Friedrich haben sich mit der Geschichte der Orgel und Orgelbau beschäftigt. Friedrich Dahlhoff war auch als Orgel-Revisor unterwegs. In Soest gab es außerdem noch eine Musikalienhandlung Otto Dahlhoff.
Dank Andreas Heisings Hinweis kann man einen kurzen Artikel zur der Dahlhoffschen Familiengeschichte lesen:
1885 erschien in der Zeitschrift 'Rheinischer Schulmann' ein Aufsatz über "Eine alte Lehrerfamilie" von B. Blensdorf aus Eiserfeld (Siegen). In poetischen Worten beschreibt er die Familie seines Kollegen Dahlhoff.
Goswin (1670-1734)
Johann Heinrich (6.3.1704 - 17.12.1764)
Johann Diedrich (25.12.1735 - 9.3.1804)
Wilhelm (30.7.1781 - 7.2.1854)
Friedrich (20.2.1825 ~ 1883)
Wilhelm und Friedrich waren jeweils die jüngsten Söhne.
Dem letzten Friedrich folgt der Sohn des Bruders Karl, der ebenfalls Friedrich heißt und der am 10. Mai 1885 der "Inhaber der ersten Lehrerstelle zu Dinker wurde".
(Matthias kommt in der Liste nicht vor).

Johann Diederich Dahlhoff der 1759 Küster wurde ist bereits der dritte Dahlhoff in dem Amt. Um seine Musik einordnen zu können ein paar Lebensdaten anderer Komponisten seiner Zeit:
J.S. Bach (1685 - 1750)
G.F. Händel (1685 - 1759)
W.A. Mozart (1756 - 1791)
I.J. Pleyel (1757 - 1831)
L. v. Beethoven (1770 - 1827)
Pleyel wird im Titel der Sonatina Andante Arioso Del Sigl: Pleyel (1790, 68_69) genannt. Dahlhoff war also mit der Musik seiner Zeit vertraut und spielte diese auch. Weitere Komponisten die in den Titeln von Stücken vorkommen sind:
Pietro Antonio Locatelli (1695 in Bergamo - 1764 in Amsterdam)
Johan Joachim Agrell (1701 in Östergötland - ca. 1767 in Nürnberg)

Dahlhoff und 'Deutscher Liederhort'

Wilhelm Dahlhoff war mit den Volksmusiksammlern seiner Zeit bekannt und so lieferte er Ludwig Erk Lieder. Im 'Deutschen Liederhort' (hrsg. durch Franz Magnus Böhme 1893) findet sich das Lied Nr. 77d  'Der getreue Schildknecht' (1856/58). Ein Lied, das laut Dahlhoff zum Flachsraufen im "westfälischen Dialekt" gesungen wurde. Die Melodie klingt sehr altertümlich. Daniela Heiderich erzählte, dass es in Frankreich ähnliche Lieder gibt, deren Refrain nichts mit dem sonstigen Liedtext zu tun hat, oft seien dies sehr alte Lieder.
Die erste Strophe lautet:

Es ritt ein Herr und auch sein Knecht,
Zucker un Kauken!
den schmalen Steg, den breiten Weg.
Zucker un Kauken un Brantewein,
solln wir da nicht lustig sein?
Zucker un Kauken!