Quadrillen

Durch die Wiederentdeckung der Dahlhoff-Noten finden Quadrillen auch Eingang in die Balfolk-Szene. Um sie nicht in einem Schattendasein bei den Vorführ-Tanzgruppen zu lassen bemühe ich mich seit einiger Zeit, die Quadrillen wieder unter das Volk zu bringen. Neben dem aktiven Umgang mit den Quadrillen beschäftige ich mich auch mit ihrer Herkunft und Geschichte.

Was sind Quadrillen?

Generell handelt es sich um Tänze, bei denen sich die vier Paare im Viereck aufstellen. Das gilt sowohl für die Volkstanzquadrillen wie für die höfischen und städtischen. Zu einer bestimmten Musik wird eine bestimmte Reihe von Tanzfiguren ausgeführt.

Dies ist eine sehr kurze Definition von Quadrillen und gibt ganz sicher nicht das Vergnügen wieder, das man beim Tanzen hat. Wie streng man sich an die Choreographien der Tänze und die aufgeschriebenen Musiken hält ist allerdings wie bei so vielem Auslegungssache.

In Deutschland haben sich Quadrillen inzwischen zu beliebten Schautänzen von Trachtengruppen entwickelt. Leider scheint bei dem was da geboten wird eine gewisse Einfalt an Tänzen und Musik entwickelt zu haben. Landauf und -ab sieht man immer wieder dieselben Tänze und hört dieselbe Musik. Oft genug zu Musikaufnahmen, die ich bereits aus meiner Kindheit kenne und die wahrscheinlich in den 1950er und 1960er Jahren aufgenommen wurden. Meist haben die Volkstanzgruppen nämlich keine eigene Musikgruppe, und wenn überhaupt Live-Musik, dann nur ein einsames Akkordeon... Etwas anders sieht es dort aus wo man noch eigenen Traditionen in Tanz und Musik hat, vor allem wohl in Bayern.

In Dänemark hat sich eine besondere Quadrillenform fast 200 Jahre ununterbrochen erhalten: Les Lanciers. Dieser Tanz wurde 1817 vom irischen Komponisten John Duval für ein Hoffest in Dublin geschaffen: The Lancers Quadrilles. Heute wird dieser Tanz in Dänemarks Schulen gelehrt und ganz verschieden ausgeführt: streng klassisch mit Abendkleid und Anzug oder lustig im Gangnam-Style. In Canada wird sie sogar mit 8 Paaren getanzt...

In der Karibik und auf La Réunion werden auch Quadrillen getanzt! In der Karibik gibt es viele Gruppen, die sich sogar zu großen Umzügen treffen und eine Live-Band spielt auf einem LKW. Von dort gibt ein Ansager (Caller) die nächste Figur vor. Quadrille ist in der Karibik auch ein Wort für eine bestimmte Art von modischer Frauenkleidung.

Caller sind bei den amerikanischen Squaredances ebenfalls sehr wichtig. Diese entwickeln eine Tanzfigurenfolge, die die Tänzer dann ausführen. Gute Caller bringen diese in einem Sprechgesang zu einer bekannten Melodie. Die Tänzer lernen die Figuren in sog. Classes und nach Abschluß solcher Classes erreicht man bestimmte Level, mit denen man dann so nach und nach die Figuren lernt. Aufgrund dieser genormten Figuren können Squaredancer sich weltweit treffen und miteinander tanzen.

Wie spricht man Quadrille?

Das ist wohl je nach Herkunft verschieden. Dieses Wort ist eigentlich französischen Ursprungs und müsste somit [kaˈdʀij] gesprochen werden. Ich habe die Sprechweise Kwadrillje [kvaˈdrɪljə] gelernt, aber in letzter Zeit oft die Aussprache Kwadrille [kvaˈdrɪllə] (mit Doppel-L wie in Zwille) gehört, besonders von Berlinern. In den Dahlhoff-Handschriften (18.Jh.), wird auch Quadrillge geschrieben, was einer typisch westfälischen Aussprache entspricht. In Österreich soll es die Aussprache [kaˈdrɪl] geben. Im flämischen Belgien macht man den Unterschied zwischen dem Volkstanz Kadril und dem höfischen Tanz Quadrille (franz. ausgesprochen).

Laut Duden geht das Wort auf eine Gruppe von vier Reitern zurück, die im spanischen cuadrilla (zu: cuadro = Viereck) genannt wurden.

Laut Herbert Oetke (1983) ist der Name Quadrille neueren Ursprungs, wobei er nicht angibt ab wann diese Volkstänze Quadrille genannt wurden. Im Norden Deutschlands wurden die Quadrillen auch die 'Bunten' oder die 'Großen Bunten' genannt, was den Charakter dieser Tänze mit vielen verschiedenen Figuren gut wiedergibt. In Bayern hießen sie Sechser-, Achter-, Zwölfertanz. Viele heute noch getanzte Quadrillen haben Eigennamen wie Maike, Schlunz, Schottschen Triller usw. (Zu den beiden letzten finden sich die Melodien mehrfach in den Dahlhoffschen Handschriften, aber dort gibt es keine Tanzbeschreibungen).

Sind Quadrillen schwer zu tanzen?

Eigentlich nicht!

Die Grundformen der Quadrillen sind geprägt durch die Interaktion im Paar, mit einem anderen Paar oder der ganzen Gruppe. Dieses wechselt sich ständig ab!

Die Gruppe besteht bei einer typischen Quadrille aus vier Paaren die sich im Karrée gegenüber stehen. Wobei dieses Viereck sich schnell mal in einen Kreis verwandelt, hier ist also schon die erste Variante, die Verwandlung eines Vierecks in einen Kreis.

Die Figuren sind vielfältig und vielfach variiert, es folgen meist viele verschiedene Figuren hintereinander, die das Grundmuster einer bestimmten Quadrille bilden. Meist gibt es einen variablen Teil und mehrere andere die wiederholt werden, wie ein Lied mit einem Refrain. Wobei hier die 'Strophe' kurz ausfällt und der Refrain aus mehreren Teilen besteht.

Viele Quadrillen haben keine schwierigen Schrittfolgen, sondern werden gegangen, gehüpft oder gesprungen. Das Hüpfen und Springen macht das Tanzen von Quadrillen durchaus zu einem sportlichen Vergnügen!

Schwer zu merken?

Eigentlich nicht!

Es hilft sehr wenn man die Möglichkeit hat diese Tänze regelmäßig zu tanzen, so wie man Vokabeln auch immer wiederholen muss bis sie sitzen. Hat man die Formen jedoch verinnerlicht so kann man sie auch Jahre später noch tanzen.

Die Figuren sind vielfältig und vielfach variiert

Bewegungsabläufe zu verschriftlichen enthält allerdings immer viele 'wenn-dann'. Das Ergebnis klingt dann komplizierter als die Bewegungen in der tatsächlichen Handlung sind!

Am Beispiel der Kette wird es hier beschrieben. Die Kette ist eine gerne getanzte Figur in Quadrillen. Curt Sachs (1933) beschreibt sie als Teil vieler Tänze weltweit! Aufgemalt ist sie Teil der heute so beliebten Mandalas, denn sie besteht aus zwei miteinander verflochtenen Kreisen.

Die Kette ist eine Figur bei der sich die Tänzerinnen und Tänzer abwechselnd umeinander bewegen. Eine 'Kette mit Anfassen' beginnt damit, dass man dem Partner die rechte Hand gibt, dann zieht man aneinander vorbei und gibt dem nächsten die linke Hand, dem übernächsten die rechte usw. Natürlich geht das auch 'ohne Anfassen', also ohne Handgeben, aber ansonsten mit der selben Bewegung der verflochtenen Kreise.

  • Große Kette - wird von allen acht Tänzern gleichzeitig ausgeführt. Auch hier gibt es bereits Variationen: Trifft man auf dem Gegenplatz den eigenen Partner wieder so kann man eine Verbeugung machen, bevor man weitertanzt auf den Ausgangsplatz oder eine Handtour, also eine vollständige Drehung mit dem Partner. Eine weitere Variante ist die Kette umzukehren, d.h. man dreht sich so, dass man in die Richtung zurückgeht, die man gerade schon gegangen ist: 'Kette umgekehrt'.

    Bei mehr als vier Paaren gibt es weitere Variationen.

  • Kleine Kette - wird von zwei Paaren ausgeführt, in einem Karrée die gegenüberstehenden oder die nebeneinanderstehenden. Man beginnt dann mit dem Gegenüber. Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten die Kleine Kette zu Ende zu bringen.

Ja, geschrieben klingt es unglaublich kompliziert, aber wenn man das mal macht, dann ist es sofort ein ganz logischer Bewegungsablauf, der sich durch die Variationen verändert, aber die einfache 'Kette mit Anfassen', dieses 'Rechte Hand - Linke Hand...' ist ganz leicht.